Man kann umgeben sein und trotzdem allein (1/6)
Die schwerste Einsamkeit ist die, die man niemandem erklären kann.
Es gibt eine Einsamkeit, die verschwindet, wenn jemand den Raum betritt. Und es gibt eine, die dann erst richtig anfängt.
Die zweite ist die schwerere. Man sitzt am Tisch, es wird geredet und gelacht, man macht mit — und ist trotzdem nicht da. Niemandem fällt es auf. Und man kann es kaum erklären, ohne undankbar zu klingen: Ich habe doch Menschen um mich. Ich habe kein Recht, mich einsam zu fühlen.
Du hast diese Frage ausgewählt. In den nächsten Wochen bekommst du dazu sechs Mails. Sie werden dir nicht raten, öfter unter Leute zu gehen.
Die Bibel hat Worte dafür
Bemerkenswert ist, wie unverblümt diese Erfahrung in der Bibel vorkommt — nicht als Randnotiz, sondern als Gebet.
Ein Beter formuliert es so direkt, dass es fast wehtut: Wende dich zu mir und sei mir gnädig, denn einsam und elend bin ich. Die Ängste meines Herzens sind weit geworden; führe mich heraus aus meinen Bedrängnissen: Psalm 25,16-17.
Und an anderer Stelle noch schärfer: Er schaue zur Rechten und sehe — niemand ist da, der mich beachtet; keine Zuflucht, niemand, der nach meiner Seele fragt: Psalm 142,5.
Das ist kein Text über einen Menschen ohne Kontakte. Der Beter ist bekanntlich von Leuten umgeben. Es ist ein Text über jemanden, der unter Menschen niemanden hat, der wirklich fragt.
Warum das kein Charakterfehler ist
Der übliche Verdacht lautet: Ich bin wohl zu empfindlich, zu anspruchsvoll, zu wenig gesellig. Manchmal stimmt davon etwas. Meistens greift es zu kurz.
Denn Einsamkeit unter Menschen ist selten ein Mangel an Anzahl. Sie ist ein Mangel an einer bestimmten Art von Kontakt: gesehen zu werden, ohne sich zusammenreißen zu müssen. Deshalb hilft mehr Gesellschaft so wenig — man kann die fehlende Tiefe nicht durch Breite ersetzen. Zehn Gespräche über nichts machen ein Gespräch über etwas nicht wett.
Wer das erlebt, ist außerdem in einer schlechten Lage für Gegenmaßnahmen: Man müsste sich zeigen, um gesehen zu werden — und genau dazu fehlt einem in diesem Zustand die Kraft.
Was diese Serie nicht tun wird
- Keine Geselligkeitstipps. Wenn es daran läge, hättest du es längst gelöst.
- Kein Ersatz für Menschen. Es geht hier nicht darum, Gott als Notlösung für fehlende Freunde anzubieten.
- Kein Druck. Am Ende steht eine Einladung, keine Forderung.
Wie es weitergeht
Im nächsten Teil geht es um die Frage, was da eigentlich fehlt — und um einen sehr alten Satz, der behauptet, dass Alleinsein von Anfang an als „nicht gut" bezeichnet wurde. Es gibt also nichts an dir zu reparieren, das dieses Empfinden erklärt.