Zum Inhalt springen
← Alle Fragen

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei (2/6)

Nicht mehr Kontakte. Ein Gegenüber, vor dem man nichts erklären muss.

Letztes Mal ging es darum, dass Einsamkeit unter Menschen kein Mengenproblem ist. Heute darum, was es dann ist.

Der erste Satz, in dem etwas „nicht gut" heißt

Auf den ersten Seiten der Bibel steht eine Schöpfungserzählung, in der nach jedem Schritt „gut" gesagt wird. Und dann kommt ein Satz, der aus der Reihe fällt: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei: 1. Mose 2,18.

Das ist bemerkenswert, weil hier noch nichts schiefgegangen ist. Es ist kein Urteil über einen Defekt. Es ist eine Aussage über die Bauart: Der Mensch ist auf ein Gegenüber angelegt.

Wenn das stimmt, ist dein Empfinden keine Störung, die abgestellt werden müsste. Es ist die korrekte Rückmeldung eines Systems, dem etwas fehlt, wofür es gemacht ist.

Was genau fehlt

Es lohnt sich, genauer zu sein als „Nähe". Was in dieser Einsamkeit fehlt, ist meist eines von dreien:

  • Gesehen werden, ohne zu erklären. Jemand, der den Kontext schon hat und bei dem man nicht bei null anfangen muss.
  • Gemeint sein. Nicht als Funktion — Kollege, Elternteil, Ansprechpartner —, sondern als der, der man ist.
  • Bleiben dürfen. Die Gewissheit, dass das Gegenüber nicht geht, wenn man einmal nicht die angenehme Version von sich ist.

Der dritte Punkt erklärt, warum man sich unter vertrauten Menschen manchmal am einsamsten fühlt: Wo man viel zu verlieren hat, zeigt man am wenigsten.

Die Behauptung, um die es geht

Und hier setzt die Bibel an einer unerwarteten Stelle an. Sie sagt nicht zuerst: Such dir bessere Freunde. Sie sagt: Einer kennt dich bereits vollständig.

Ein Psalm beschreibt das mit einer fast unangenehmen Genauigkeit: Du hast mich erforscht und erkannt; du kennst mein Sitzen und mein Aufstehen, du verstehst mein Trachten von fern. Und dann der Satz, der es auf die Spitze treibt: Ehe ein Wort auf meiner Zunge ist, kennst du es ganz: Psalm 139,1-4.

Man kann das zunächst als Überwachung lesen. Aber im Zusammenhang steht es unter anderem Vorzeichen: Der Beter empfindet es als Trost, nicht als Bedrohung. Der Unterschied liegt daran, wer da schaut.

Warum das die Sehnsucht trifft

Was oben als das eigentlich Fehlende stand — gesehen werden, ohne zu erklären; gemeint sein; bleiben dürfen —, ist genau das, was dieser Text behauptet. Kein Erklären nötig, weil er den Kontext hat. Kein Rollenspiel, weil er die Fassade ohnehin durchschaut. Und kein Risiko, dass er geht, wenn er die unangenehme Version sieht — er hat sie schon gesehen.

Ob das stimmt, ist eine andere Frage. Aber es ist zumindest eine Antwort, die auf die richtige Frage antwortet.

Wie es weitergeht

Bevor es weitergeht, gehört ein ehrlicher Zwischenschritt dazu: Was ist mit den Menschen? Sie sind ja nicht nichts. Im nächsten Teil geht es darum, was Menschen tragen können — und wo ihre Grenze liegt, ohne dass es ihre Schuld wäre.