Eine Frau allein in der Wüste gab ihm einen Namen (4/6)
„Du bist ein Gott, der mich sieht." Gesagt von der Unwichtigsten der Geschichte.
Es gibt in der Bibel eine kurze Szene, die für dieses Thema kaum zu übertreffen ist. Sie handelt von einem Menschen, von dem man am wenigsten Beachtung erwarten würde.
Hagar
Hagar ist Sklavin. Sie wird als Mittel zum Zweck benutzt, wird schwanger, gerät in Konflikt mit ihrer Herrin, wird hart behandelt — und läuft weg. Wir finden sie an einer Wasserquelle in der Wüste: eine Frau ohne Rechte, ohne Familie, ohne Ziel, schwanger, allein.
Genau dort wird sie angesprochen. Und was sie danach sagt, ist der eigentliche Punkt: Sie gibt Gott einen Namen — „Du bist ein Gott, der mich sieht" — und fügt hinzu, sie habe hier den gesehen, der sie sieht: 1. Mose 16,13.
Dass ausgerechnet sie diesen Namen prägt, ist kein Zufall der Erzählung. Es ist ihre Pointe: Der erste Mensch in der Bibel, der Gott einen selbstgewählten Namen gibt, ist eine ausländische Sklavin in der Wüste. Nicht der Patriarch. Nicht der Priester.
Nirgends außer Reichweite
Derselbe Psalm, der in Teil 2 vom vollständigen Kennen sprach, dreht das Thema noch einmal ins Räumliche: Wohin sollte ich gehen vor deinem Geist, wohin fliehen vor deinem Angesicht? Stiege ich zum Himmel hinauf — du bist da; bettete ich mich im Totenreich — du bist da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und ließe mich nieder am äußersten Ende des Meeres, auch dort würde deine Hand mich leiten: Psalm 139,7-10.
Das ist kein Text über Allwissenheit als Eigenschaft. Es ist ein Text über Erreichbarkeit. Es gibt keinen Ort — auch keinen inneren —, an dem du außerhalb der Reichweite bist.
Die Zusage, die das Vergessen ausschließt
Und weil die tiefste Angst der Einsamen nicht ist, unbeachtet zu sein, sondern vergessen zu werden, steht bei Jesaja ein Bild, das genau dort ansetzt.
Kann eine Frau ihr Kind vergessen, dass sie sich nicht erbarmt über den Sohn ihres Leibes? Und selbst wenn sie es vergäße — ich werde dich nicht vergessen. Siehe, in meine Handflächen habe ich dich eingezeichnet: Jesaja 49,15-16.
Der Vergleich nimmt bewusst die stärkste menschliche Bindung, die es gibt, gibt zu, dass sogar sie versagen kann — und setzt noch darüber.
Was das praktisch heißt
Zunächst wenig, und das soll hier nicht übersprungen werden: Ein Text ändert keinen leeren Abend.
Was er ändert, ist der Status dieses Abends. Es ist ein Unterschied, ob man allein ist, weil niemand da ist — oder allein, während einer da ist, den man gerade nicht spürt. Das erste ist Verlassenheit. Das zweite ist Stille.
Wie es weitergeht
Bleibt die unbequemste Frage dieser Serie: Wenn da wirklich jemand ist, der schon alles weiß — warum fällt es dann so schwer, sich ihm zu zeigen? Darum geht es im nächsten Teil.