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Gesehen werden macht verletzlich (5/6)

Ein Beter wagt den riskantesten Satz der Bibel: „Erforsche mich."

Wenn tatsächlich einer da ist, der alles schon weiß — dann müsste sich zeigen ja leichtfallen. Es fällt aber nicht leicht. Warum?

Der Widerspruch, der keiner ist

Man kann gleichzeitig zwei Dinge wollen: gesehen werden und nicht gesehen werden.

Der Wunsch, gekannt zu sein, ist echt. Und die Angst davor auch — denn wer wirklich gesehen wird, kann wirklich abgelehnt werden. Solange man sich nicht zeigt, gilt jede Zurückweisung nur der Fassade. Das ist ein schlechter Trost, aber es ist einer.

Deshalb ist Einsamkeit oft nicht nur ein Zustand, den man erleidet, sondern auch einer, den man mit aufrechterhält. Nicht aus Trotz — aus Selbstschutz.

Der riskanteste Satz

Vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, wie derselbe Psalm endet, der mit dem vollständigen Gekanntsein begann. Nachdem der Beter beschrieben hat, dass Gott alles weiß, hätte er sich verstecken können. Stattdessen bittet er darum: Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne meine Gedanken. Und sieh, ob ein Weg der Mühsal in mir ist, und leite mich auf ewigem Weg: Psalm 139,23-24.

Das ist ein erstaunlicher Schluss. Er bittet ausdrücklich um das, wovor die meisten Menschen zurückschrecken — die vollständige Durchleuchtung.

So etwas sagt man nur zu jemandem, dem man zutraut, dass er das Ergebnis gut verwendet.

Woher dieses Zutrauen kommen soll

Genau da ist der Knoten. Und die Bibel legt den Schlüssel nicht in eine Anstrengung, sondern in eine Reihenfolge.

Der Satz dazu ist knapp: In der Liebe ist keine Furcht, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus — denn die Furcht hat mit Strafe zu tun: 1. Johannes 4,18.

Die Furcht verschwindet also nicht dadurch, dass man sich zusammenreißt. Sie verschwindet, wenn sich herausstellt, dass keine Strafe droht. Man kann sich nicht in Vertrauen hineinzwingen — man kann nur erleben, dass das Gefürchtete ausbleibt.

Praktisch heißt das: Der erste Schritt ist klein und einseitig. Man zeigt etwas, das man bisher zurückgehalten hat — und schaut, was passiert.

Ein sehr kleiner erster Schritt

Falls du es probieren willst, muss es nicht die ganze Lebensbeichte sein. Es reicht ein einziger ehrlicher Satz, laut oder still: „Ich bin einsam, und ich weiß nicht, ob du da bist." Das ist kein schwaches Gebet. Es ist genau die Sorte, von der die Psalmen voll sind.

Und daneben — das gehört zu dieser Serie dazu, weil es sonst schief klingt: Erzähl es auch einem Menschen. Nicht allen. Einem. Der zweite Teil hat den Zusammenhang beschrieben, in dem beides zusammengehört.

Wie es weitergeht

Im letzten Teil geht es um die Zusage, auf die alles hier zuläuft — und sie ist erstaunlich schlicht formuliert: nicht „du wirst dich nicht mehr einsam fühlen", sondern „ich bin da, alle Tage".