Jesus weist die Rechnung „Unglück = Strafe" zurück (2/7)
Zweimal wird er direkt gefragt. Zweimal sagt er Nein.
Heute der Satz, den Leidende am häufigsten hören — offen oder zwischen den Zeilen: Irgendwas wird schon der Grund sein.
Vorweg wie immer: Wenn es gerade zu schwer ist, ruf an — Telefonseelsorge, rund um die Uhr, kostenlos und anonym: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. In akuter Gefahr: 112.
Die Gleichung, die naheliegt
Sie ist so alt wie die Frage selbst: Wenn Gott gerecht ist und dir etwas Schlimmes passiert, dann muss es einen Grund geben, der bei dir liegt.
Diese Rechnung ist verführerisch, weil sie die Welt geordnet hält. Und sie ist grausam, weil sie den Getroffenen zusätzlich zur Last noch die Schuld auflädt.
Zweimal ausdrücklich zurückgewiesen
Jesus wird zweimal genau damit konfrontiert, und beide Male antwortet er unmissverständlich.
Der erste Fall: Man berichtet ihm von Galiläern, die Pilatus hatte umbringen lassen, und von achtzehn Menschen, die ein einstürzender Turm erschlug. Seine Frage zurück: Meint ihr, dass diese schuldiger waren als alle anderen? Nein, sage ich euch — sondern wenn ihr nicht umdenkt, werdet ihr alle ebenso umkommen: Lukas 13,1-5.
Der erste Teil der Antwort räumt die Gleichung ab: Die Getroffenen waren nicht schlechter als die Verschonten. Der zweite Teil dreht die Frage um — statt über andere zu urteilen, soll jeder auf sich sehen.
Der zweite Fall ist noch deutlicher. Die Jünger sehen einen Blindgeborenen und fragen: Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern? Die Antwort: Weder dieser hat gesündigt noch seine Eltern — sondern damit die Werke Gottes an ihm offenbar werden: Johannes 9,1-3.
Die Frage der Jünger unterstellt, dass es nur zwei mögliche Schuldige geben kann. Die Antwort verwirft beide Optionen.
Hiob: der Kronzeuge
Und dann ist da das ganze Buch Hiob, dessen erster Satz die Voraussetzung für alles Folgende legt: Hiob war untadelig und rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend: Hiob 1,1.
Diese Feststellung steht bewusst am Anfang. Sie schließt die Schuld-Erklärung von vornherein aus — und macht damit den ganzen Rest des Buches erst möglich. Hiobs Freunde vertreten dann über Kapitel hinweg genau die Gleichung „Leid = Strafe", und am Ende sagt Gott ausdrücklich, dass sie nicht recht geredet haben.
Das ist bemerkenswert: Die längste Behandlung dieser Frage in der Bibel besteht zu großen Teilen darin, eine falsche Antwort zu widerlegen.
Was das praktisch heißt
Wenn dir jemand — auch gut gemeint, auch fromm — nahelegt, dein Leid habe mit deinem Verhalten oder deinem Glauben zu tun, dann widerspricht das dem, was hier steht.
Und wenn du selbst diesen Verdacht hegst: Auch dir gilt die Antwort. „Nein, sage ich euch" ist ziemlich eindeutig.
Wie es weitergeht
Im nächsten Teil geht es um das Buch Hiob selbst — und um die überraschendste Wendung darin: Er stellt seine Frage bis zum Schluss, und er bekommt keine Antwort darauf. Was er bekommt, ist etwas anderes.