Vierzig Kapitel Frage. Und keine Antwort darauf. (3/7)
Gott antwortet aus dem Sturm — mit Gegenfragen. Und Hiob ist zufrieden.
Das Buch Hiob ist der längste Text der Bibel zu dieser Frage. Und sein Ausgang ist der eigentliche Grund, warum diese Serie keine Formel verspricht.
Vorweg wie immer: Wenn es gerade zu schwer ist, ruf an — Telefonseelsorge, rund um die Uhr, kostenlos und anonym: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. In akuter Gefahr: 112.
Die Lage
Hiob verliert Besitz, Kinder und Gesundheit. Seine Freunde kommen und sitzen zuerst sieben Tage schweigend bei ihm — das ist übrigens der beste Teil ihres Auftritts. Dann fangen sie an zu erklären, und ab da wird es schlimmer.
Hiob widerspricht ihnen über viele Kapitel und fordert eine Antwort. Er will nicht Trost, er will einen Prozess: Er möchte seine Sache vor Gott bringen.
Was dann passiert
Und Gott antwortet tatsächlich — aus einem Sturm heraus. Aber wie: Wer ist es, der den Rat verdunkelt mit Worten ohne Erkenntnis? Gürte doch wie ein Mann deine Lenden; ich will dich fragen, und du belehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gründete? Hiob 38,1-4.
Was folgt, sind Kapitel voller Gegenfragen — über Meer, Sterne, Regen, Wildesel, Strauß, Nilpferd. Kein einziges Wort über den Grund von Hiobs Leid. Die Frage, um die es das ganze Buch ging, wird nicht beantwortet.
Die eigentliche Überraschung
Und jetzt kommt das, was man kaum glauben kann: Hiob ist zufrieden.
Seine Antwort: Ich erkenne, dass du alles vermagst. Und dann der Satz, um den es geht: Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich gesehen — darum widerrufe ich und bereue in Staub und Asche: Hiob 42,1-6.
Er sagt nicht: Jetzt verstehe ich, warum. Er sagt: Jetzt habe ich dich gesehen.
Warum das keine Ausflucht ist
Der Einwand liegt auf der Hand: Das ist doch nur eine fromme Art, die Antwort schuldig zu bleiben.
Drei Dinge sprechen dagegen, es so abzutun.
Erstens ist es ehrlich. Der Text hätte leicht eine Erklärung liefern können — er kennt sie sogar, denn der Leser weiß aus den ersten Kapiteln mehr als Hiob. Trotzdem bekommt Hiob sie nie. Das ist eine bewusste Entscheidung des Textes.
Zweitens entspricht es der Erfahrung. Menschen, die Schweres durchgemacht haben, berichten selten, dass eine Erklärung geholfen hätte. Sie berichten von Menschen, die dablieben.
Drittens wäre eine Erklärung eine Rechtfertigung. Und genau das will man nicht: dass das Leid am Ende in Ordnung gewesen sein soll, weil es einem Zweck diente. Ein Gott, der eine Kausalkette präsentiert, hätte das Leid gerechtfertigt. Ein Gott, der kommt, hat es nicht getan.
Was das nicht heißt
Es heißt nicht, dass Fragen sinnlos wäre. Hiob fragt bis zum Schluss, und ihm wird das nie vorgeworfen — im Gegenteil, am Ende sagt Gott, dass Hiob recht geredet habe und seine Freunde nicht.
Es heißt nur: Erwarte nicht, dass Verstehen der Weg heraus ist.
Wie es weitergeht
Im nächsten Teil geht es um die christliche Zuspitzung dieser Antwort — die weiter geht als „Gott kommt". Sie behauptet, dass er selbst hineingegangen ist.