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Der einzige Gott mit Narben (4/7)

Nicht „Gott versteht das schon". Sondern: Er hat es selbst durchgemacht.

Letztes Mal endete es bei Hiob: keine Erklärung, aber eine Begegnung. Das Christentum geht an dieser Stelle noch einen Schritt weiter — und zwar einen ziemlich ungewöhnlichen.

Vorweg wie immer: Wenn es gerade zu schwer ist, ruf an — Telefonseelsorge, rund um die Uhr, kostenlos und anonym: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. In akuter Gefahr: 112.

Die Behauptung

Sie lautet nicht: Gott sieht dein Leid von oben und hat Mitgefühl. Sie lautet: Er ist selbst hineingegangen.

Jesaja beschreibt lange vorher jemanden, der so aussieht, wie Leidende sich fühlen: verachtet und von den Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut — einer, vor dem man das Gesicht verbirgt. Und dann: Fürwahr, er hat unsere Leiden getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen: Jesaja 53,3-5.

„Mit Leiden vertraut" ist eine erstaunliche Formulierung für eine Gottesgestalt. Vertrautheit entsteht nicht durch Beobachtung.

Der Satz vom Kreuz

Und dann steht in den Evangelien der Ruf, den wir schon im ersten Teil hatten — jetzt an seinem Ort: Um die neunte Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Matthäus 27,46.

Das ist der Kern dieses Teils. Der Vorwurf, den Leidende gegen Gott erheben — dass er fern ist, dass er zusieht, dass er schweigt —, steht im Zentrum des Christentums als Gottes eigener Ruf.

Man kann das für unlogisch halten. Aber es macht eine Aussage unmöglich, die sonst naheliegt: dass Gott nicht wüsste, wovon er redet.

Was daraus folgt

Der Hebräerbrief zieht die praktische Konsequenz: Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid haben könnte mit unseren Schwachheiten, sondern einen, der in allem ebenso versucht worden ist wie wir: Hebräer 4,15.

Das ist der Unterschied zwischen einem Ratgeber und jemandem, der dasselbe durchgemacht hat. Beide können dieselben Worte sagen. Nur bei einem von beiden trägt es.

Was das ändert und was nicht

Ehrlich: Es ändert nichts an dem, was passiert ist. Ein mitleidender Gott macht eine Diagnose nicht rückgängig und bringt niemanden zurück.

Was es ändert, ist die Antwort auf eine bestimmte Frage — nämlich die, die unter der Warum-Frage meistens liegt: Ist da jemand, und interessiert es ihn?

Auf „Warum?" gibt es keine Antwort. Auf „Bin ich allein damit?" schon.

Ob einem das reicht, kann niemand für einen anderen entscheiden. Aber es ist etwas anderes als eine Vertröstung, weil es nichts über die Zukunft verspricht, sondern etwas über die Vergangenheit behauptet — etwas, das man prüfen kann.

Wie es weitergeht

Im nächsten Teil geht es um die zweite Hälfte dieser Antwort: dass das Leid nicht das letzte Wort behält. Nicht als Vertröstung, sondern als Begrenzung.