Als Jesus etwas erbat und es nicht bekam (5/6)
Das schwierigste Kapitel — und es hat ein überraschendes Beispiel.
Heute die Erfahrung, an der die meisten mit dem Beten aufhören: Man bittet um etwas Wichtiges — und es kommt nicht.
Das unerwartete Beispiel
Am Abend vor seiner Hinrichtung betet Jesus im Garten Gethsemane. Er bittet darum, dass der Kelch — das, was vor ihm liegt — an ihm vorübergehe. Er bittet dreimal. Und er fügt hinzu: doch nicht wie ich will, sondern wie du willst: Matthäus 26,39.
Die Bitte wird nicht erfüllt. Was er befürchtet, passiert.
Man kann kaum überschätzen, was das für diese Frage bedeutet. Wenn ausgerechnet dieses Gebet nicht so beantwortet wird, wie erbeten, dann ist eine unerfüllte Bitte kein Beweis für Distanz, Ungehörtwerden oder mangelnden Glauben.
Der zweite Fall
Paulus beschreibt etwas Ähnliches persönlicher. Er hat ein Leiden, das er nicht näher benennt, und bittet dreimal um Befreiung. Die Antwort, die er bekommt, ist keine Heilung, sondern ein Satz: Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht: 2. Korinther 12,8-9.
Er bekommt also eine Antwort — nur nicht die bestellte. Das ist der Unterschied zwischen Schweigen und einem anderen Bescheid.
Warum das nicht bloß eine Ausrede ist
Der Einwand liegt nahe: Ein System, in dem jedes Ergebnis als Antwort gilt, ist unwiderlegbar und damit wertlos.
Der Einwand ist ernst zu nehmen. Zwei Dinge sprechen dagegen, es als Ausrede abzutun:
- Es ist die Struktur jeder echten Beziehung. Wer ein Gegenüber hat, das eigene Urteile fällt, bekommt manchmal etwas anderes als erbeten. Ein Elternteil, das jeden Wunsch erfüllt, ist kein besonders liebevolles.
- Die Bibel behauptet es nicht nachträglich. Sie sagt es vorher — schon in Teil 3 stand die Einschränkung „nach seinem Willen". Es wird nicht erst dann eingeführt, wenn etwas schiefgeht.
Was das praktisch bedeutet
Es heißt nicht, dass man klein bitten soll. Die Beter der Bibel bitten sehr direkt und sehr konkret, auch um Rettung, Heilung und Wunder.
Es heißt: Man darf konkret bitten und den Ausgang offen lassen. Das ist keine Absicherung gegen Enttäuschung, sondern die einzige Haltung, die nicht zwangsläufig in eine führt.
Und es heißt: Wenn die Bitte nicht erfüllt wurde, steht die Frage „Warum?" berechtigt im Raum. Sie darf gestellt werden — siehe Teil 2. Sie muss nur nicht sofort beantwortet werden.
Wie es weitergeht
Im letzten Teil geht es ums Anfangen — mit einer Einladung, die so schlicht ist, dass sie fast enttäuschend wirkt: „Rufe mich an, so will ich dir antworten."