Du hast alles. Und trotzdem fehlt etwas. (1/6)
Einer hat alles ausprobiert, was wir für Erfüllung halten. Er blieb leer.
Es ist ein merkwürdiges Gefühl, weil es keinen Anlass hat. Es ist nichts passiert. Es fehlt nichts Bestimmtes. Und trotzdem sitzt du abends da und denkst: Und das war's jetzt?
Das Unangenehme daran ist, dass man es kaum jemandem sagen kann. Wer klagt, dem geht es schlecht, und man weiß auch, warum. Bei dieser Leere gibt es kein Warum, das man vorzeigen könnte — nur das schlechte Gewissen, dass man sich eigentlich nicht beklagen dürfte.
Du hast diese Frage ausgewählt. In den nächsten Wochen bekommst du dazu sechs Mails. Sie werden dir nicht sagen, dass du dankbarer sein sollst.
Einer hat den Versuch schon gemacht
In der Bibel gibt es einen Text, der genau davon handelt — und zwar von jemandem, der die Mittel hatte, es gründlich auszuprobieren.
Er beschreibt es fast wie ein Protokoll: Er baute Häuser, pflanzte Weinberge, legte Gärten und Parks an, ließ Teiche graben, sammelte Silber und Gold, hielt sich Sänger, versagte sich keine Freude, die seine Augen begehrten. Und dann das Fazit: Als er sich all seine Werke ansah, war alles nichtig, ein Haschen nach Wind — und ein bleibender Gewinn war nicht dabei: Prediger 2,4-11.
Bemerkenswert ist, dass er den Versuch nicht abbricht, weil er scheitert. Er bekommt alles, was er will. Genau deshalb ist sein Ergebnis so unbequem: Es lässt sich nicht mit „du hattest halt nicht genug" erklären.
An anderer Stelle bringt er dieselbe Erfahrung auf eine Formel, die jeder kennt, der einmal etwas Ersehntes bekommen hat: Das Auge wird nicht satt vom Sehen, das Ohr nicht voll vom Hören: Prediger 1,8.
Was das über dich sagt
Die naheliegende Deutung wäre: Mit mir stimmt etwas nicht. Andere sind zufrieden mit weniger — ich bin offenbar undankbar, verwöhnt oder depressiv.
Es gibt eine zweite Möglichkeit, und sie ist die These dieser Serie: Die Leere ist kein Defekt. Sie ist eine Auskunft. Sie sagt nicht, dass du zu wenig hast, sondern dass das, was du hast, nicht die Sorte Sache ist, die dieses Loch füllen könnte.
Ein Hinweis darauf, dass etwas dran ist: Kein Zuwachs hat je geholfen. Immer war es kurz besser und dann wieder wie vorher. Bei einem Mangel an Menge müsste mehr wenigstens ein bisschen wirken.
Was diese Serie nicht tun wird
- Kein Aufmuntern. „Anderen geht es schlechter" ist wahr und hilft nicht.
- Keine Technik. Es gibt hier keine fünf Schritte zu mehr Erfüllung.
- Kein Druck. Am Ende steht eine Einladung, keine Forderung.
Wie es weitergeht
Im nächsten Teil geht es um die Frage, was dieses Gefühl eigentlich ist — und um einen sehr alten Satz, der behauptet, dass es genau so gebaut ist, wie es sich anfühlt: unstillbar durch alles, was ein Ende hat.