Warum nichts Endliches dich ganz sättigt (2/6)
Ein Hunger, den kein Gericht stillt, ist ein Hinweis — kein Fehler.
Letztes Mal stand die These im Raum: Die Leere ist keine Fehlfunktion, sondern eine Auskunft. Heute geht es darum, was sie auskunftet.
Ein Satz, der die Bauweise beschreibt
Mitten in dem nüchternen Buch, aus dem der Selbstversuch stammt, steht ein Satz, der alles davor in ein anderes Licht rückt. Gott habe alles schön gemacht zu seiner Zeit — und er habe die Ewigkeit in ihr Herz gelegt, ohne dass der Mensch das Werk Gottes von Anfang bis Ende zu erfassen vermag: Prediger 3,11.
Wenn das stimmt, ist die Sache erklärt — und zwar auf eine Weise, die nichts beschönigt.
Ein Behälter, der auf unendlich ausgelegt ist, wird durch nichts Endliches voll. Nicht durch mehr Geld, nicht durch eine bessere Beziehung, nicht durch den nächsten Erfolg. Nicht weil diese Dinge schlecht wären, sondern weil sie ihrer Natur nach eine Größe haben. Und alles, was eine Größe hat, ist irgendwann ausgeschöpft.
Das erklärt auch die seltsame Erfahrung, dass Erfüllung sich nach dem Erreichen so schnell verflüchtigt. Es ist kein Zeichen dafür, dass du zu anspruchsvoll bist. Es ist das erwartbare Verhalten eines Maßstabs, der nicht aus dieser Größenordnung stammt.
Die Bibel kennt das Gefühl von innen
Bemerkenswert ist, dass diese Sehnsucht in der Bibel nicht als peinlich gilt. Sie wird ausgesprochen, und zwar drastisch.
Ein Psalmbeter vergleicht sich mit einem Hirsch, der nach Wasserbächen schreit — und sagt dann: Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich kommen und erscheinen vor Gottes Angesicht? Und im nächsten Satz die ungeschminkte Lage: Meine Tränen sind mein Brot geworden, Tag und Nacht: Psalm 42,2-3.
Das ist keine fromme Zufriedenheit. Das ist Durst — beschrieben von jemandem, der ihn hat, nicht von jemandem, der ihn schon gestillt hätte.
Was daraus folgt und was nicht
Damit ist noch nichts bewiesen. Dass ein Hunger existiert, beweist nicht, dass es Essen gibt. Aber es ist ein Hinweis, den man nicht wegwischen sollte: Bei allem anderen, wofür wir gebaut sind — Luft, Wasser, Nahrung, Nähe — gibt es tatsächlich etwas, das dazu passt. Ein Hunger ohne jedes zugehörige Sättigungsmittel wäre in der Natur eine Merkwürdigkeit.
Vor allem aber ändert es die Suchrichtung. Wenn die Leere Auskunft gibt und nicht Alarm schlägt, ist die Frage nicht mehr „Was fehlt mir noch?", sondern: Worauf zeigt sie?
Bevor es dahin geht
Der ehrliche Zwischenschritt kommt zuerst. Denn die meisten von uns haben längst Antworten versucht — und die Erfahrung, warum sie nicht gehalten haben, gehört dazu.
Wie es weitergeht
Im nächsten Teil geht es um die üblichen Kuren: mehr leisten, mehr besitzen, mehr erleben. Und um ein zweieinhalbtausend Jahre altes Bild dafür, warum sie alle dasselbe Problem haben.