Sich selbst vergeben — warum das nicht funktioniert (2/6)
Drei Wege, die jeder zuerst versucht. Und warum keiner die Rechnung schließt.
Letztes Mal ging es um das Gewicht. Heute um die Wege, mit denen wir es loswerden wollen — und warum sie nicht halten, was sie versprechen.
Es sind im Wesentlichen drei.
Weg 1: Sich selbst vergeben
Der Rat, den man heute am häufigsten hört. Er ist gut gemeint und scheitert an einer Kleinigkeit: Zuständigkeit.
Vergebung kann nur der aussprechen, dem gegenüber die Schuld besteht. Wenn ich mein Auto in ein fremdes Auto fahre, kann ich mir noch so oft selbst vergeben — der Schaden gehört jemand anderem. Meine Nachsicht mit mir ändert an seiner Forderung nichts.
Genau deshalb bleibt Selbstvergebung so seltsam wirkungslos. Man kann sie sich hundertmal zusprechen, und beim hundertersten Mal ist die Nacht wieder lang. Nicht weil man zu wenig Selbstliebe hätte. Sondern weil man in eigener Sache kein Urteil fällen kann.
Weg 2: Verdrängen
Der zweite Weg ist stiller: nicht mehr hinsehen. Beschäftigt bleiben. Es war ja lange her.
Das funktioniert erstaunlich gut — bis es das nicht mehr tut. Meistens genügt ein Geruch, ein Lied, ein Name. Der Psalm aus dem letzten Teil beschreibt das Verschweigen nicht als Ruhe, sondern als Zermürbung: Solange er schwieg, verfiel er.
Weg 3: Wiedergutmachen
Der ehrlichste der drei — und der, der am weitesten trägt. Wo Wiedergutmachung möglich ist, soll man sie tun. Aber er hat eine Grenze, die man erst merkt, wenn man an ihr steht: Manches lässt sich nicht zurückholen. Gesagte Sätze. Verlorene Jahre. Menschen, die nicht mehr da sind, um etwas anzunehmen.
Die Bibel benennt diese Grenze mit einer Nüchternheit, die fast hart klingt: Niemand kann seinen Bruder loskaufen oder Gott ein Lösegeld für ihn geben — der Preis ihrer Seele ist zu kostbar, man muss davon ablassen für immer: Psalm 49,8-9.
Und beim Propheten Micha steht die Frage, die jeder kennt, der es ernst versucht hat: Womit soll ich kommen? Mit Brandopfern? Mit tausend Widdern, mit Strömen von Öl? Soll ich mein Erstgeborenes geben für meine Sünde? Die Steigerung ist bewusst absurd — sie zeigt, dass auf diesem Weg kein Betrag genügt: Micha 6,6-7.
Warum Selbstbestrafung so verlockend ist
Bleibt der vierte Weg, den kaum jemand so nennt: sich selbst bestrafen. Sich das Gute nicht gönnen. Sich klein halten. Innerlich eine Strafe absitzen, die niemand verhängt hat.
Er ist deshalb so verlockend, weil er sich nach Gerechtigkeit anfühlt. Aber er zahlt nichts zurück. Er fügt dem ursprünglichen Schaden nur einen zweiten hinzu — an dir. Und er hat kein Ende, weil niemand da ist, der die Strafe für verbüßt erklären könnte.
Was daraus folgt
Wenn keiner dieser Wege die Rechnung schließt, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man lebt weiter mit der offenen Rechnung. Oder jemand anderes schließt sie — jemand, der dazu befugt ist.
Wie es weitergeht
Im nächsten Teil geht es genau darum: Was Vergebung eigentlich ist. Sie ist nämlich etwas völlig anderes, als die meisten denken — und deutlich radikaler.