Vergebung ist kein Schulterzucken (3/6)
So weit wie der Osten vom Westen — und warum diese Entfernung kein Zufall ist.
Bisher stand fest: Die üblichen Wege schließen die Rechnung nicht. Heute geht es um das Wort, das dafür vorgesehen ist — und das die meisten falsch verstehen.
Was Vergebung nicht ist
Viele hören „Vergebung" und denken: war nicht so schlimm. Ein großzügiges Schulterzucken, ein Abwinken, ein „schwamm drüber".
Das wäre keine Vergebung, sondern Verharmlosung. Und es wäre für den, der wirklich Schuld trägt, sogar eine Kränkung: Es würde bedeuten, dass die Sache egal war — und damit auch der Mensch, dem sie widerfahren ist.
Echte Vergebung setzt das Gegenteil voraus. Sie sagt: Es war schlimm. Es war genau so schwer, wie du denkst. Und es wird trotzdem weggenommen.
Wie weit weggenommen
Die Bibel greift dafür zu Bildern, die man sich schwer merken kann, ohne sie zu spüren.
In Psalm 103 heißt es: Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unseren Verfehlungen. So hoch der Himmel über der Erde ist — so groß ist seine Gnade. So weit der Osten vom Westen ist, hat er unsere Übertretungen von uns entfernt: Psalm 103,10-12.
Beachte die Himmelsrichtungen. Nicht Norden und Süden — die haben einen Pol, an dem sie sich treffen. Osten und Westen treffen sich nie. Die Entfernung ist mit Absicht unendlich gewählt.
Bei Jesaja wird daraus ein Farbvergleich, fast wie eine Einladung zum Rechtsstreit: Kommt, lasst uns miteinander rechten — wenn eure Sünden rot wären wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Schnee: Jesaja 1,18.
Und an einer dritten Stelle sagt Gott etwas, das juristisch fast unerhört ist: Ich, ich bin es, der deine Übertretungen tilgt um meinetwillen — und deiner Sünden gedenke ich nicht: Jesaja 43,25.
Der entscheidende Halbsatz
„Um meinetwillen." Nicht: weil du es wiedergutgemacht hast. Nicht: weil du dich genug geschämt hast. Die Begründung liegt vollständig auf der anderen Seite.
Das ist für Menschen mit einem starken Gerechtigkeitssinn zunächst schwer erträglich. Es klingt, als würde etwas untern Teppich gekehrt. Wird es aber nicht — und das ist der Punkt, an dem diese Serie ihren Kern erreicht.
Die Frage, die jetzt kommen muss
Wenn Schuld nicht ignoriert, sondern wirklich weggenommen wird — wo bleibt sie dann? Sie kann nicht einfach verschwinden. Irgendwer trägt sie.
Genau das ist die Frage, die ein ehrlicher Mensch an dieser Stelle stellen muss. Und die Bibel weicht ihr nicht aus. Sie hat darauf eine sehr konkrete, sehr unbequeme Antwort.
Wie es weitergeht
Im nächsten Teil geht es um diese Antwort: das Kreuz — nicht als Symbol, sondern als Vorgang. Wer die Rechnung geschlossen hat und womit.