Der stärkste Einwand — und wo er zerbricht (3/6)
Ein Weg kann sich völlig richtig anfühlen und trotzdem falsch sein.
Heute die Gegenrede, und zwar in ihrer besten Form — nicht als Karikatur.
Der Einwand hat gute Gründe
Er lautet ungefähr so: „Moral ist offensichtlich kulturabhängig. Was hier als selbstverständlich gilt, galt vor zweihundert Jahren als undenkbar und gilt anderswo bis heute anders. Wer behauptet, einen absoluten Maßstab zu kennen, hat in der Geschichte meistens Schaden angerichtet — im Namen des Absoluten wurden Menschen verbrannt. Bescheidenheit ist da klüger."
Der letzte Punkt sitzt. Absolutheitsansprüche haben real Leid verursacht, auch und gerade religiöse.
Wo der Einwand an seine Grenze kommt
Und doch stößt er an einer Stelle an eine Wand — nämlich dort, wo man ihn auf sich selbst anwendet.
Der Satz „Es gibt keine allgemeingültige Moral" ist selbst ein allgemeingültiger Anspruch. Und der Satz „Wer absolut urteilt, richtet Schaden an" ist ein absolutes Urteil. Man kann Relativismus nicht behaupten, ohne ihn im selben Atemzug zu verlassen.
Wichtiger noch ist die praktische Grenze: Wer Moral für reine Konvention hält, kann Verbrechen nicht mehr verurteilen, sondern nur noch ablehnen. Er kann sagen „bei uns tut man das nicht", aber nicht „das hätte nirgends geschehen dürfen". Kaum jemand ist bereit, diesen Preis wirklich zu zahlen.
Zwei Sätze, die älter sind als die Debatte
Die Bibel kennt beide Seiten dieser Spannung erstaunlich genau.
Zum einen weiß sie, wie unzuverlässig unser Empfinden ist: Da ist ein Weg, der einem Menschen gerade erscheint — aber sein Ende sind Wege des Todes: Sprüche 14,12. Das ist die Warnung an alle, die sagen: „Ich mache, was sich für mich richtig anfühlt." Das Gefühl ist ein Zeuge, kein Richter.
Zum anderen weiß sie, dass Sprache Maßstäbe verschieben kann, ohne die Wirklichkeit zu ändern: Wehe denen, die das Böse gut nennen und das Gute böse, die Finsternis zu Licht machen und Licht zu Finsternis: Jesaja 5,20.
Beide Sätze richten sich nicht nur nach außen. Sie treffen jeden, der sich seine Sache schönredet — auch den frommen.
Was das für diese Serie heißt
Die Konsequenz ist nicht: „Also hat die Bibel recht." Die Konsequenz ist bescheidener und zugleich schärfer: Ein Maßstab kann nicht von innen kommen. Wenn es echtes Recht gibt, muss es von außerhalb meiner selbst kommen — sonst hätte ich es geschrieben, und dann wäre ich wieder Richter in eigener Sache.
Ob das, was die Bibel als „das Gute" bezeichnet, diesem Anspruch standhält, kann man prüfen. Genau das kommt als Nächstes.
Wie es weitergeht
Im nächsten Teil steht die Antwort selbst — und sie fällt kürzer aus, als die meisten erwarten. Es ist kein Regelkatalog. Es sind zwei Sätze.