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Das Problem ist nicht, dass wir es nicht wüssten (5/6)

Zwischen Erkenntnis und Handeln liegt eine Lücke, die kein Wissen schließt.

Letztes Mal endete es mit einem Widerspruch, den man nicht auflösen kann, indem man ihn übergeht: Der Maßstab ist erkennbar — und wird trotzdem verfehlt. Von allen.

Die Lücke, die jeder kennt

Es ist eine sehr alltägliche Erfahrung. Man weiß am Abend, dass man morgen geduldiger sein will. Man weiß beim Streit, dass der Satz, der einem auf der Zunge liegt, verletzen wird. Man weiß, dass man das Versprechen halten sollte.

Und dann tut man es nicht.

Bemerkenswert ist: Das ist kein Informationsproblem. Niemand von uns bräuchte hier eine bessere Aufklärung. Zwischen „ich weiß es" und „ich tue es" liegt eine Lücke, die durch mehr Wissen nicht kleiner wird.

Die ehrlichste Selbstbeschreibung der Bibel

Paulus — derselbe, der die Gewissensbeobachtung aus Teil 1 formuliert hat — beschreibt diese Lücke in einer Passage, die für einen religiösen Lehrer erstaunlich selbstentlarvend ist: Das Wollen liegt mir bei, aber das Vollbringen des Guten nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das übe ich aus: Römer 7,18-19.

Man beachte, wer das schreibt: kein Zyniker, kein Gescheiterter, sondern der wichtigste Lehrer der frühen Kirche. Er stellt sich nicht über das Problem. Er stellt sich hinein.

Und er verallgemeinert es, ohne Ausnahmen zu machen: Alle haben gesündigt und erreichen die Herrlichkeit Gottes nicht: Römer 3,23.

Warum das nicht demütigend gemeint ist

Dieser Befund wird oft als Herabsetzung gelesen. Er ist aber vor allem eine Diagnose — und Diagnosen sind das Gegenteil von Verachtung. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass jemand behandelt statt beschimpft wird.

Denn die Alternative wäre schlimmer. Wenn das Problem bloß Unwissenheit wäre, müsste man sich mehr anstrengen — und die Erfahrung sagt jedem, wohin das führt: zu Menschen, die entweder heimlich verzweifeln oder sich die Ansprüche so lange zurechtbiegen, bis sie wieder erfüllbar sind.

Die zweite Variante ist die gefährlichere. Sie erzeugt Leute, die mit sich zufrieden sind, weil sie den Maßstab abgesenkt haben — und die dann besonders streng mit anderen werden.

Was daraus folgt

Damit ist die ursprüngliche Frage — „Woher weiß ich, was richtig ist?" — beantwortet und zugleich überholt. Das Wissen ist da, wenigstens in den Grundzügen. Was fehlt, ist die Kraft.

Und damit verschiebt sich die eigentliche Frage: nicht „Was soll ich tun?", sondern „Was hilft mir, es zu wollen?"

Wie es weitergeht

Im letzten Teil geht es genau darum: warum Liebe erfüllt, was Regeln nur fordern können — und was jemandem zugesagt ist, der nach Gerechtigkeit hungert, statt sie sich zu bescheinigen.