„Fast wäre ich gestrauchelt, denn ich beneidete sie" (1/6)
Dieser Satz steht in der Bibel. Von jemandem, der es genau so empfand.
Es ist eine Beobachtung, die man ungern zugibt, weil sie kleinlich klingt: Die, die es sich einfach machen, kommen offenbar besser durch. Wer die Ellenbogen benutzt, wird befördert. Wer betrügt, wird selten erwischt. Und wer sich anständig verhält, sieht dabei zu.
Man sagt so etwas nicht laut. Es klingt nach Neid — und vielleicht ist es das auch, zum Teil. Aber es ist eben nicht nur das.
Du hast diese Frage ausgewählt. In den nächsten Wochen bekommst du dazu sechs Mails. Diese Serie wird dir keine Formel geben, die das Problem auflöst. Sie wird auch nicht behaupten, dass du dich falsch fühlst.
Der Satz, der alles sagt
In der Bibel gibt es ein Gebet, das genau hier anfängt — und zwar mit einem Eingeständnis, das man in einem religiösen Text nicht erwartet: Fast wären meine Füße abgewichen, beinahe wären meine Schritte ausgeglitten. Denn ich beneidete die Übermütigen, als ich das Wohlergehen der Gottlosen sah: Psalm 73,2-3.
Der Beter sagt nicht: „Ich hatte kurz einen unguten Gedanken." Er sagt: Ich stand kurz davor, das Ganze hinzuwerfen. Und der Grund war nicht Leid, nicht Krankheit, nicht Verfolgung — sondern der Anblick von Leuten, denen es gut geht, obwohl sie es nicht verdienen.
Und er ist nicht allein damit
Der Prophet Jeremia geht sogar noch weiter und macht daraus einen offenen Rechtsstreit mit Gott: Gerecht bist du, HERR, wenn ich mit dir rechte — dennoch will ich Rechtssachen mit dir reden: Warum ist der Weg der Gottlosen erfolgreich? Warum leben alle sorglos, die Treulosigkeit üben? Jeremia 12,1.
Er stellt Gott zur Rede. Das steht so in der Bibel — nicht als Fehltritt, sondern als Prophetenwort.
Was das für dich bedeutet
Drei Dinge, die man hier festhalten sollte:
- Die Frage ist erlaubt. Sie ist nicht Ausdruck von schwachem Glauben. Sie steht mitten in den Texten, die den Glauben ausmachen.
- Der Protest ist nicht kleinlich. Wer Ungerechtigkeit empörend findet, hat einen funktionierenden Gerechtigkeitssinn. Wäre er kaputt, gäbe es die Frage nicht.
- Es geht nicht nur um Neid. Neid will haben, was der andere hat. Hier geht es um etwas anderes: darum, dass die Rechnung nicht aufzugehen scheint.
Was diese Serie nicht tun wird
Sie wird dir nicht sagen, dass es den Rücksichtslosen in Wahrheit schlecht geht. Sie wird auch nicht mit „die kriegen schon ihre Strafe" abkürzen. Beides wäre zu billig, und die Bibel macht es an dieser Stelle bemerkenswerterweise auch nicht.
Wie es weitergeht
In der nächsten Mail geht es darum, wie ungeschminkt die Bibel das Problem selbst beschreibt — ehrlicher, als man es in einer Predigt erwarten würde.