Die Bibel beschönigt es nicht. Kein bisschen. (2/6)
„Sie sind nicht in Mühsal wie andere Menschen." So steht es da.
Letztes Mal ging es darum, dass der Protest erlaubt ist. Heute darum, wie genau die Bibel ihn beschreibt — und das ist der Teil, der die meisten überrascht.
Die Bestandsaufnahme
Der Psalm 73 lässt sich nicht mit ein paar Andeutungen abspeisen. Er zählt auf, und zwar über viele Verse: Sie haben keine Qualen bis zu ihrem Tod, ihr Leib ist wohlgenährt. Sie sind nicht in der Mühsal der Menschen und werden nicht geplagt wie andere Leute. Darum ist Hochmut ihr Halsband, Gewalttat umhüllt sie wie ein Gewand. Ihr Auge tritt hervor vor Fett, sie spotten und reden böse. Sie setzen ihren Mund gegen den Himmel — und trotzdem: Siehe, das sind die Gottlosen, und immer sorglos mehren sie ihr Vermögen: Psalm 73,4-14.
Und dann zieht der Beter die bittere Bilanz für sich selbst: Vergeblich habe ich mein Herz rein gehalten und meine Hände in Unschuld gewaschen — und war doch geplagt den ganzen Tag.
Das ist keine fromme Zurückhaltung. Das ist die Anklage, ausformuliert, mit Nachdruck.
Ein Prophet, der dasselbe tut
Habakuk beginnt sein ganzes Buch mit diesem Vorwurf: Wie lange, HERR, habe ich gerufen, und du hörst nicht? Ich schreie zu dir über Gewalttat, und du rettest nicht. Warum lässt du mich Unheil sehen? Verwüstung und Gewalttat sind vor mir. Darum wird das Gesetz kraftlos, und das Recht kommt nie hervor — denn der Gottlose umzingelt den Gerechten, deshalb kommt das Recht verdreht hervor: Habakuk 1,2-4.
„Das Recht kommt verdreht hervor." Das ist eine Diagnose, die man heute genauso stellen würde.
Warum das wichtig ist
Man könnte fragen: Was hilft es, dass die Klage in der Bibel steht? Sie löst das Problem ja nicht.
Es hilft an zwei Stellen:
- Du musst deine Wahrnehmung nicht korrigieren. Der häufigste religiöse Reflex ist, das Problem kleiner zu reden („so schlimm ist es nicht", „du siehst nur die Oberfläche"). Der Text tut das ausdrücklich nicht.
- Du musst nicht so tun, als wäre alles in Ordnung, um beten zu dürfen. Diese Anklagen sind selbst Gebete. Sie sind an Gott gerichtet, nicht über ihn geführt.
Was jetzt nicht kommt
Jetzt käme in einer schlechten Predigt der Satz: „Aber am Ende bekommt jeder, was er verdient." Der kommt hier nicht — jedenfalls nicht als Erklärung, die die Sache auflöst.
Denn der Psalm selbst nimmt diesen Weg nicht. Sein Wendepunkt liegt woanders, und genau das ist der interessanteste Teil dieser Serie.
Wie es weitergeht
Im nächsten Teil geht es um diesen Wendepunkt — und um den Satz, der zugibt, dass Nachdenken hier nicht weiterhalf.