Zum Inhalt springen
← Alle Fragen

„Da war es mühevoll in meinen Augen" (3/6)

Der Beter gibt zu: Nachdenken hat nicht geholfen. Was dann half, ist unerwartet.

Hier ist die Stelle, an der dieser Psalm sich von jeder Ratgeberliteratur unterscheidet.

Das Eingeständnis

Nach der langen Anklage kommt ein Satz, den man festhalten muss: Als ich nachsann, um dies zu begreifen, war es mühevoll in meinen Augen — bis ich hineinging in die Heiligtümer Gottes: Psalm 73,16-17.

Zwei Aussagen stecken darin, und beide sind ungewöhnlich.

Erstens: Das Nachdenken hat nicht funktioniert. Der Beter gibt zu, dass er es versucht hat und dass es ihn nur erschöpft hat. Er präsentiert keine Lösung, zu der er sich durchgegrübelt hätte.

Zweitens: Was die Wende brachte, war kein Argument. Es war ein Ortswechsel — er ging ins Heiligtum. In die Gegenwart Gottes.

Warum das keine Ausflucht ist

Der naheliegende Verdacht: Das ist doch nur eine elegante Art zu sagen, dass es keine Antwort gibt.

Der Verdacht ist halb berechtigt, und genau deshalb ist der Text ehrlich. Eine Erklärung, die das Problem auflöst, gibt es hier tatsächlich nicht. Wer eine verspricht, verspricht mehr, als die Bibel hergibt.

Aber „keine Erklärung" ist nicht dasselbe wie „nichts". Es gibt einen Unterschied zwischen

  • einer Formel, die erklärt, warum Ungerechtigkeit sein muss (die hätte die Ungerechtigkeit gerechtfertigt), und
  • einer Perspektive, aus der die Sache anders aussieht, ohne dass sie schöngeredet wird.

Der Psalm wählt das Zweite. Und wer schon einmal mitten in einer Sache steckte und sie später aus Abstand betrachtet hat, weiß, dass das nicht nichts ist.

Was er im Heiligtum sieht

Der Text sagt es direkt im Anschluss: Er sieht das Ende. Nicht als Drohung ausgemalt, sondern als schlichte Feststellung, dass der scheinbar feste Boden der Rücksichtslosen in Wahrheit glatt ist und ihr Erfolg nicht das letzte Bild sein wird.

Das ist bemerkenswert zurückhaltend formuliert. Es steht dort kein Triumph, keine Schadenfreude, keine Aufrechnung. Nur: Es sieht anders aus, als es aussieht.

Was du daraus mitnehmen kannst

Wenn du dich mit dieser Frage im Kreis drehst — das ist kein Zeichen von Denkfaulheit. Der Psalmbeter hat sich auch im Kreis gedreht, und er war nicht dumm.

Was er ändert, ist nicht die Menge des Nachdenkens, sondern den Ort. Praktisch heißt das: Diese Frage löst sich eher im Gebet als in der Analyse. Nicht, weil Beten schlauer macht — sondern weil sich dabei ändert, wer im Mittelpunkt steht.

Wie es weitergeht

Im nächsten Teil geht es darum, was er stattdessen bekommt. Es ist überraschend wenig Gerechtigkeit und überraschend viel Nähe.