„Du hältst mich an meiner rechten Hand" (4/6)
Nähe statt Kontostand — und warum das keine Vertröstung ist.
Letztes Mal endete es damit, dass der Wendepunkt kein Argument war. Heute: Was tritt an die Stelle der Erklärung?
Die Antwort ist eine Beziehung
Nach dem Heiligtum klingt der Psalm anders. Der Beter sieht auf sich zurück und nennt sich selbst unvernünftig und unwissend, „wie ein Tier" sei er gewesen. Und dann kommt der Umschwung — nicht als Erkenntnis, sondern als Zustandsbeschreibung: Doch ich bin stets bei dir; du hast meine rechte Hand erfasst. Durch deinen Rat wirst du mich leiten. Wen habe ich im Himmel außer dir? Und neben dir habe ich an nichts Lust auf der Erde. Verschmachtet mein Fleisch und mein Herz — Gott ist der Fels meines Herzens und mein Teil auf ewig: Psalm 73,23-26.
Beachte, was hier nicht passiert: Die Rücksichtslosen sind immer noch erfolgreich. Nichts an den Umständen hat sich geändert. Was sich geändert hat, ist, woran er sein Gewicht hängt.
Das ist kein Trick. Es ist die einzige Bewegung, die überhaupt möglich ist, wenn die Umstände nicht verhandelbar sind.
Der praktische Rat, der dazugehört
An anderer Stelle wird daraus eine konkrete Anweisung — und die ist erstaunlich unfromm und alltagstauglich: Ereifere dich nicht über die Übeltäter, beneide nicht, die Unrecht tun. Denn wie das Gras werden sie schnell verdorren: Psalm 37,1-2.
Und wenig später: Sei still dem HERRN und harre auf ihn; ereifere dich nicht über den, dessen Weg gelingt. Lass ab vom Zorn und lass den Grimm — es führt nur zum Übeltun: Psalm 37,7-9.
Der letzte Halbsatz ist der praktischste der ganzen Serie. Er sagt nicht, dass Zorn unerlaubt sei — sondern dass er dich in dieselbe Richtung zieht, gegen die du protestierst. Wer sich lange genug über Rücksichtslosigkeit ereifert, wird ihr ähnlich. Das ist keine moralische Drohung, sondern eine Beobachtung, die jeder bestätigen kann, der in einem langen Konflikt steckte.
Ist das nicht Vertröstung?
Der Einwand ist berechtigt und soll nicht weggewischt werden.
Vertröstung wäre es, wenn gesagt würde: Es ist nicht schlimm, weil du ja Gott hast. Das steht hier nicht. Der Text lässt „mein Fleisch und mein Herz verschmachten" ausdrücklich stehen — die Erschöpfung wird nicht wegdefiniert.
Was gesagt wird, ist etwas anderes: Es gibt neben dem Ungelösten noch etwas anderes, das ebenfalls wahr ist. Zwei Dinge gleichzeitig. Genau das macht diesen Psalm so brauchbar, wenn man tatsächlich mittendrin steckt.
Wie es weitergeht
Im nächsten Teil geht es um die Frage, warum das mehr trägt als der übliche Trost „die kriegen schon ihre Strafe" — und um einen Satz, der eine Last von dir nimmt, die du gar nicht tragen solltest.