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Beten heißt nicht tapfer lächeln (2/6)

„Wie lange noch?" — ein Drittel der Psalmen klingt so.

Viele hören auf zu beten, wenn es ihnen schlecht geht — weil sie meinen, man müsse dabei zuversichtlich klingen. Dieser Teil räumt damit auf.

Vorweg wie immer: Wenn es gerade zu schwer ist, ruf an — Telefonseelsorge, rund um die Uhr, kostenlos und anonym: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. In akuter Gefahr: 112.

Wie ein Gebet in der Bibel klingen darf

Ein Psalm: Sei mir gnädig, HERR, denn ich bin dahingewelkt; heile mich, denn meine Gebeine sind bestürzt. Und dann, direkt an Gott gerichtet: Und du, HERR — wie lange? Psalm 6,3-4.

Ein anderer: Meine Tränen sind mein Brot geworden Tag und Nacht, da man den ganzen Tag zu mir sagt: Wo ist dein Gott? Psalm 42,4.

Das sind keine Randnotizen. Etwa ein Drittel der Psalmen sind Klagen — mehr als jede andere Gattung. Sie enthalten Vorwürfe, Ungeduld, Verzweiflung, manchmal Wut. Und sie wurden nicht aussortiert, sondern über Jahrhunderte gebetet.

Warum das wichtig ist

Weil die Alternative dich isoliert.

Wer glaubt, er müsse gefasst sein, um beten zu dürfen, hört genau dann auf, wenn er es am nötigsten hätte. Und meist hört er auch auf, mit Menschen zu reden — denn wenn man schon vor Gott nicht ehrlich sein darf, vor wem dann?

Klage ist in der Bibel nicht das Gegenteil von Glauben. Sie ist eine seiner Formen — die Form, die man benutzt, wenn es schlecht steht. Wer klagt, redet ja noch mit jemandem.

Was das praktisch heißt

Dein Gebet darf heute so aussehen:

  • „Ich kann nicht mehr."
  • „Warum hilfst du nicht?"
  • „Ich weiß nicht, ob du da bist. Aber ich rede trotzdem."

Es darf unfertig sein, wütend, ohne Schluss. Psalm 88 — der düsterste Text der Bibel — endet ohne jede Aufhellung. Er steht trotzdem drin.

Ein Hinweis, der dazugehört

Klagen ersetzt keine Hilfe. Wenn du seit Wochen nicht schläfst, nichts mehr Freude macht oder du dich nicht mehr aufraffen kannst, ist das oft mehr als Trauer — und es ist behandelbar. Sprich mit deinem Hausarzt. Das ist kein Ausdruck von zu wenig Glauben, so wenig wie ein Gipsverband es wäre.

Wie es weitergeht

Im nächsten Teil geht es um das, was die Bibel an dieser Stelle nicht verspricht — und was stattdessen zugesagt ist. Der Unterschied ist wichtiger, als er klingt.