Wert wird nicht erarbeitet. Er wird zugesprochen. (2/6)
Warum der Preis einer Sache nie in der Sache selbst liegt.
Letztes Mal ging es um die Rechnung, die nie aufgeht: Wer seinen Wert erarbeitet, ist nie fertig. Bleibt die Frage, die dann sofort kommt — wenn nicht durch Leistung, wodurch dann?
Wert entsteht nicht im Ding
Ein kurzer Umweg, der die Sache erstaunlich klar macht. Woran bemisst sich der Wert eines Gegenstands? Nicht an ihm selbst. Ein Blatt Papier ist ein Blatt Papier — bis jemand es zur Banknote erklärt. Ein Bild ist Leinwand und Farbe, bis ein Name darunter steht. Der Ring deiner Großmutter ist materiell fast wertlos und für dich unbezahlbar.
Wert wird zugesprochen. Immer. Von außen, durch jemanden, dem die Sache etwas bedeutet.
Wenn das schon für Dinge gilt, ist die Frage bei Menschen nicht mehr „Was kann ich vorweisen?", sondern: Gibt es jemanden, dem ich etwas bedeute — unabhängig davon, was ich vorweise?
Die Antwort, die am Anfang steht
Die Bibel beantwortet das auf der ersten Seite, und zwar bevor irgendein Mensch irgendetwas getan hat. Der Mensch wird als Bild Gottes gemacht — Mann und Frau, beide: 1. Mose 1,26-27.
Das ist eine unscheinbare Formulierung mit enormer Sprengkraft. Ein Bild bezieht seinen Rang nicht aus sich, sondern aus dem, den es abbildet. Deine Würde hängt also an der Frage, wessen Bild du bist — nicht daran, wie gut du dieses Bild gerade abgibst.
Und diese Zusage gilt an einer Stelle, die niemand von uns beeinflussen konnte: vor der Geburt. Der Psalm 139 beschreibt, wie Gott den Menschen im Verborgenen bildet, wie seine Tage geschrieben waren, ehe einer von ihnen da war: Psalm 139,13-16. Das ist keine Metapher für Selbstwertgefühl. Es ist die Behauptung, dass du gewollt warst, bevor du irgendetwas beitragen konntest.
Was das praktisch verändert
Wenn Wert zugesprochen ist statt erarbeitet, dann verschieben sich drei Dinge:
- Er ist nicht steigerbar. Du kannst nicht wertvoller werden. Das nimmt dem Ehrgeiz nichts — aber es nimmt ihm die Verzweiflung.
- Er ist nicht verlierbar. Auch nicht durch Versagen, Krankheit, Alter. Was ein anderer zugesprochen hat, kann ich nicht wegleisten.
- Er gilt auch für die anderen. Und zwar genau für die, deren Leistungsbilanz mies aussieht. Das ist die unbequeme Seite dieser Antwort.
Der ehrliche Einwand
Vielleicht denkst du jetzt: Schön gesagt — aber ich erlebe das Gegenteil. Die Welt bezahlt Leistung, nicht Würde. Und in der Religion ist es doch erst recht so: sei gut genug, dann bist du angenommen.
Genau dieser Einwand ist der stärkste, den es gibt. Er bekommt deshalb die ganze nächste Mail.
Wie es weitergeht
Im nächsten Teil geht es um die Gegenstimme in Reinform — „Wert ist Leistung", auch und gerade in frommer Verpackung. Und darum, was ausgerechnet die Bibel dazu sagt.