Geliebt, bevor du irgendetwas vorweisen konntest (4/6)
Der Preis eines Geschenks sagt nichts über den Beschenkten — alles über den Schenkenden.
Letztes Mal endete es mit einem Gedanken: Der Wert eines Geschenks bemisst sich nicht daran, was der Beschenkte getan hat, sondern daran, was es den Schenkenden gekostet hat. Heute geht es um genau diesen Preis.
Der Zeitpunkt ist die eigentliche Aussage
Es gibt in den Briefen des Neuen Testaments einen Satz, dessen Sprengkraft in einem einzigen Wort steckt: während. Gott erweist seine Liebe darin, dass Christus für uns starb, während wir noch Sünder waren — Römer 5,8.
Nicht: nachdem wir uns gebessert hatten. Nicht: sobald sich das lohnte. Sondern mitten im schlechtesten denkbaren Zustand. Der Zeitpunkt ist hier die Botschaft. Wenn die Zuwendung erfolgt, bevor irgendeine Gegenleistung vorlag, dann kann sie logischerweise nicht von der Gegenleistung abhängen.
Für jemanden, der insgeheim rechnet, ist das schwer zu ertragen. Es entzieht der Rechnung die Grundlage.
Nicht Kunde, sondern Kind
Aus derselben Ecke kommt eine zweite Zusage, die noch einmal anders trifft. Johannes staunt geradezu über die Formulierung, die er wählen muss: Seht, welche Liebe uns der Vater gegeben hat — dass wir Kinder Gottes heißen sollen. Und dann setzt er nach: Und wir sind es auch: 1. Johannes 3,1.
Der Unterschied zwischen einem Angestellten und einem Kind ist nicht die Menge der Arbeit. Es ist die Kündbarkeit. Ein Angestellter wird an Ergebnissen gemessen; ein Kind gehört dazu. Ein Kind kann enttäuschen, streiten, weglaufen — und bleibt Kind.
Beim Namen gerufen
Und weil das alles noch abstrakt klingen könnte, wird es an einer Stelle so persönlich, dass es fast unangenehm ist. Bei Jesaja spricht Gott ein ganzes Volk an wie einen einzelnen Menschen: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Und dann: Du bist teuer in meinen Augen, wertvoll, und ich habe dich lieb: Jesaja 43,1-4.
„Teuer in meinen Augen" — das ist Preissprache. Aber der Preis steht nicht auf deinem Etikett. Er steht auf seiner Rechnung.
Was das mit dem Vergleich macht
Wenn das stimmt, verliert der Vergleich seine Funktion. Nicht, weil andere plötzlich weniger könnten — sondern weil die Frage, die der Vergleich beantworten sollte („Bin ich genug?"), bereits beantwortet ist, und zwar von jemandem, der zuständiger ist als die Konkurrenz.
Das heißt nicht, dass man das sofort fühlt. Die meisten fühlen es zuerst überhaupt nicht.
Wie es weitergeht
Genau darum geht es im nächsten Teil: Warum ist es so schwer, das anzunehmen? Warum arbeiten wir lieber weiter, obwohl längst bezahlt ist? Die Bibel erzählt dazu eine Geschichte, in der sich fast jeder wiedererkennt — der eine im jüngeren Sohn, der andere im älteren.