Warum wir lieber Tagelöhner wären als Kinder (5/6)
Er hatte den Satz auswendig gelernt. Er kam nicht dazu, ihn aufzusagen.
Vielleicht ging es dir beim letzten Teil wie vielen: Man versteht es. Man glaubt es nur nicht — jedenfalls nicht für sich selbst. Für andere schon.
Das ist kein Denkfehler. Es ist etwas Tieferes, und die Bibel kennt es genau.
Der Sohn, der Angestellter werden wollte
Jesus erzählt von einem Sohn, der sein Erbe einfordert, es verprasst und schließlich mittellos bei den Schweinen landet. Dann kommt er zur Vernunft — und hier wird die Geschichte interessant. Er fasst einen Plan und legt sich einen Satz zurecht: „Vater, ich habe gesündigt … ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen. Mach mich wie einen deiner Tagelöhner."
Das ist ein durch und durch vernünftiger Vorschlag. Er will zurück, aber nicht als Sohn — das wäre zu viel verlangt. Als Angestellter. Da weiß man, woran man ist: Arbeit gegen Lohn, Leistung gegen Platz.
Er kommt nicht dazu, den Satz zu Ende zu sagen. Der Vater sieht ihn schon von weitem, läuft ihm entgegen, fällt ihm um den Hals. Dann: das beste Gewand, ein Ring, Schuhe, ein Fest. Vom Tagelöhner-Angebot ist keine Rede mehr: Lukas 15,17-24.
Warum das Tagelöhner-Angebot so verlockend ist
Man liest diese Geschichte meist als Geschichte über Vergebung. Sie ist auch eine über Kontrolle.
Ein Angestelltenverhältnis hat einen unschätzbaren Vorteil: Es ist berechenbar. Ich weiß, was ich schulde, und ich weiß, was mir zusteht. Ich bin niemandem etwas schuldig, das ich nicht abarbeiten kann. Das ist anstrengend — aber es lässt mich Herr der Lage bleiben.
Geschenkt zu bekommen heißt: Ich bin angewiesen. Ich kann nichts zurückgeben, was der Sache angemessen wäre. Genau das ertragen wir schlecht. Deshalb wählen viele lieber die Erschöpfung als die Abhängigkeit.
Wenn du dich also fragst, warum du das Gesagte nicht glauben kannst, obwohl du es einleuchtend findest: Es liegt vermutlich nicht daran, dass die Gründe zu schwach sind. Sondern daran, dass die Folgen zu groß sind.
Vom Angestellten zum Vertrauten
Jesus benennt diesen Wechsel an einer Stelle ausdrücklich gegenüber seinen Leuten: Ich nenne euch nicht mehr Knechte — denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch habe ich Freunde genannt: Johannes 15,15.
Der Unterschied ist nicht die Menge der Aufgaben. Es ist, ob man eingeweiht ist oder abgefertigt wird.
Ein möglicher erster Schritt
Wenn dir das schwerfällt, hilft es selten, sich stärker zu überzeugen. Eher hilft es, den Widerstand ehrlich auszusprechen — auch im Gebet. Etwa so: „Ich verstehe das. Annehmen kann ich es nicht. Hilf mir dabei." Das ist keine schwache Form des Glaubens. In der Bibel ist es eine der häufigsten.
Wie es weitergeht
Im letzten Teil geht es darum, wie man tatsächlich aufhört, sich zu beweisen — und was dann an die Stelle des Beweisens tritt. Denn es tritt etwas an seine Stelle.